Unsere Bewertungskriterien der Labels lassen sich in die drei Kategorien Soziales, Ökologie sowie Glaubwürdigkeit einteilen.
Da es sich bei den Labels um unterschiedliche Systeme mit teilweise sehr verschiedenen Zielen handelt, ist eine einheitliche Analyse mit vergleichbaren Ergebnissen nicht immer einfach. Manche Nachhaltigkeitsinitiativen legen den Fokus beispielsweise nur auf bestimmte Stufen der Lieferkette (z. B. landwirtschaftliche Produktion), andere auf einzelne Produkte (z. B. Kaffee) oder Branchen (z. B. Textilien). Deswegen konnten wir nicht bei jedem Label alle Kriterien in jeder Stufe der Lieferkette gleichermaßen berücksichtigen. Im Zentrum unserer Untersuchung stand vielmehr das Ziel, Ihnen einen Überblick über den Zweck der jeweiligen Initiative zu geben und ihre wichtigsten Stärken und Schwächen herauszuarbeiten.
Auf Basis von öffentlich zugänglichen Informationen wie Webseiten, den Richtlinien- Katalogen, Verhaltenskodizes und/oder Kontroll-Checklisten haben wir daraufhin Label-Profile erstellt, die wir den jeweiligen Initiativen zur Kommentierung vorgelegt haben. Sowohl deren Rückmeldung als auch die Einschätzung von Expert*innen im Themenfeld sind dann in die finale Bewertung im LABEL-CHECK eingegangen.
Aus den Bewertungskriterien haben wir einen internen Fragenkatalog erstellt, anhand dessen wir die verschiedenen
Labels bzw. Initiativen untersucht haben. Für die Analyse der Unternehmen wurde ebenfalls ein Fragenkatalog verwendet, der sich inhaltlich an denselben Themenbereichen orientiert, jedoch leicht angepasst war, um den spezifischen Kontext von Unternehmen zu berücksichtigen.
Folgende Fragen haben wir zur Bewertung der sozialen Kriterien gestellt:
– Enthält der Standard Kriterien für die Vereinigungs- und Organisationsfreiheit, wie in den ILO – Übereinkommen 87,98 beschreiben? Ist ein Bekenntnis zur Vereinigungsfreiheit, zum Vereinigungsrecht und zum Recht auf Kollektivverhandlungen in der Lieferkette verpflichtend? Wird die Höhe der Gesamtbelegschaft, der durch Tarifverträge abgedeckt ist, ermittelt?
– Enthält der Standard Kriterien für die Abschaffung der Sklavenarbeit, wie sie in den ILO- Übereinkommen 29 und 105 beschrieben sind? Gibt es eine Stellungnahme zu Gesetzen oder Verordnungen gegen moderne Sklaverei? Werden bestimmte geografische Regionen (z. B. Indonesien), Branchen (z. B. Landwirtschaft), Ressourcen (z. B. Palmöl) oder Arten von Arbeitskräften (z. B. Wanderarbeiter*innen) genannt, in denen das Risiko moderner Sklaverei am größten ist? Wenn ja, welche und wie wird mit diesem Risiko verfahren?
– Berücksichtigt der Standard alle wichtigsten ILO- Arbeitsnormen in Bezug auf Mutterschutz (183,3,102), Ruhestand (102,128), medizinische Versorgung und soziale Sicherheit (130,102) und gleicher Lohn wie in den ILO- Übereinkommen 100 und 111 beschrieben? Welche Maßnahmen werden ergriffen, um das Risiko zu minimieren?
– Enthält der Standard Kriterien für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz für Arbeitnehmer*innen und Kleinbäuerinnen und Kleinbauern? Gibt es wirksame Vorgaben, um den Schutz für Arbeiter*innen bei extremen klimatischen Bedingungen (Hitze, Kälte, Überschwemmungen) zu gewährleisten?
– Definiert der Standard eine Methode, um Arbeiter*innen und/oder Kleinbäuer*innen und Kleinbauern einen existenzsichernden Lohn und/oder ein angemessenes Einkommen zu zahlen? Gibt es transparente Entschädigungspläne oder Sozialleistungen, um Einkommensverluste oder Arbeitsplatzverluste auszugleichen? Welche Berechnung liegt dem Kriterium „existenzsichernde Löhne/Einkommen“ zu Grunde? Wie wird die Zahlung existenzsichernder Löhne bzw. schrittweise Anhebung der Löhne nachgewiesen? Wird eine Lohntransparenz gefordert, sind die Vergütungsberichte öffentlich, einschließlich nach Geschlecht und Funktion? Wie werden Mindestpreise zur Abdeckung nach unten und Deckung der Kosten einer nachhaltigen Produktion ermittelt?
– Empfiehlt oder verlangt die Norm verantwortungsvolle Einkaufspraktiken von Unternehmen z.B. langfristige Lieferverträge, garantierte Preise oder eine Erhöhung der Verwendung von zertifizierten/geprüften Rohstoffen?
– Gelten die Rechte und Vorteile des Standards für Arbeiter*innen, auch für Leiharbeitnehmer*innen und/oder für Arbeitnehmer*innen von Subunternehmen?
– Enthält der Standard Kriterien für die Schulung zu Arbeitsrechten und sozialen Anforderungen sowie Maßnahmen, um Arbeitsplätze während des Übergangs zu klimafreundlichen Technologien zu sichern bzw. Entsprechende Umschulungen oder Weiterbildungsprogramme? Berücksichtigt das Label, ob Unternehmen die Arbeiter*innen aktiv in den Transformationsprozess einbinden, indem sie Mitspracherechte und Möglichkeiten zur Mitgestaltung bieten?
– Verfügt der Standard über Mechanismen, die regeln, wie Unternehmen mit Fragen des legitimen Gewohnheitsrechts auf Landnutzung und dem Zugang zu anderen Gemeingütern umgehen sollten? Können Beschwerden im Zusammenhang mit Verstößen gegen das Landrecht registriert werden? Werden sie angemessen behandelt und gelöst?
– Erkennt der Standard endogene Wissensformen und Kenntnisse von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern und anderen traditionellen Erzeuger*innen an und befasst sich der Standard mit der partizipativen Anwendung, Weitergabe und Weiterentwicklung von Wissen?
– Fördert der Standard die Diversifizierung landwirtschaftlicher Praktiken und lokale Handelspraktiken von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern durch Vorfinanzierung, Diversifizierung der Prämien und Maßnahmen zur Förderung des Marktzugangs? Fördert der Standard kurze Lieferketten bei der Auswahl von Lieferanten?
– Berücksichtigt der Standard den Schutz und Stärkung der individuellen und kollektiven Rechte von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern und anderen Menschen, die in ländlichen Raum arbeiten, so wie in der UN Erklärung über die Rechte von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern und anderen Menschen, die in ländlichen Raum arbeiten (UNDROP) verankert sind? Welche Maßnahmen werden dazu ergriffen?
– Berücksichtigt der Standard den Schutz und Stärkung der individuellen und kollektiven Rechte von Indigenen Gemeinschaften, so wie in der UN Erklärung über die Rechte von Indigenen Gemeinschaften (UNDRIP) verankert sind? Welche Maßnahmen werden dazu ergriffen?
Folgende Fragen haben wir zur Bewertung der ökologischen Kriterien gestellt:
– Fordert der Standard Praktiken zur Revitalisierung bestehender natürlicher Ökosysteme, bewertet deren wirtschaftliche und nachhaltige Nutzung und verhindert, dass sie durch landwirtschaftliche Nutzung negativ beeinflusst werden? Wird die Ausweitung natürlicher Ökosysteme und der Schutz von Biodiversität (z.B. durch biodiversitätsfördernde Landschaftselemente) gefördert?
– Fördert der Standard eine Diversifizierung des Anbaus, den Einsatz lokaler Arten und Produktionsverfahren, die im Einklang mit lokalen Traditionen, Praktiken und vorhandenen Ressourcen stehen?
– Fordert der Standard Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle von Bodenerosion?
– Fordert der Standard eine ressourcenschonende Nutzung von Wasser entlang der gesamten Lieferkette? Gibt es Kontrollen, Aufzeichnungen, Ziele und Indikatoren?
– Werden Kriterien zur Flächenumwandlung gefördert, die die biologische Vielfalt und natürliche Ressourcen schützen?
– Fordert der Standard landwirtschaftliche Praktiken, die zum Aufbau natürlicher Kohlenstoffsenken beitragen?
– Fordert der Standard ein zeitgebundenes, messbares Engagement zur Reduktion von Treibhausgasen in eigenen Betrieben und in der Lieferkette?
– Fordert der Standard, dass die Abfallwirtschaft und das Abwassermanagement den Arten und Mengen der erzeugten Abfälle entsprechen, um die Verwendung von Produkten und Methoden zu vermeiden bzw. zu verringern, die potenziell negative Auswirkungen auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit haben? Fordert der Standard Maßnahmen zur Reduktion, Wiederverwertung und Recycling von Abfällen? Fordert der Standard Aufbereitungssysteme für Abwässer?
– Fördert der Standard Maßnahmen zur Reduzierung von Verpackungsmaterial? Fördert der Standard Maßnahmen zur Nutzung von abbaubares, recyceltes und/oder wiederverwertetes Verpackungsmaterial?
– Fördert der Standard Maßnahmen des integrierten Pflanzenschutzes auf der Grundlage ökologischer Prinzipien? (Priorisierung physischer, mechanischer, kultureller und biologischer Kontrollen und eingeschränkter Einsatz von Pestiziden)
– Fordert der Standard Praktiken zur Erhöhung des Gehalts an organischen Stoffen in Böden (z.B. durch integrierter Tier-Pflanzen-Systeme, Kompostierung, die Verwendung von pflanzlichen Reststoffen usw.) und zur allgemeinen Priorisierung der Verwendung von organischer statt synthetischer Düngung? Und Fordert der Standard Maßnahmen zum kontrollierten Einsatz und Reduktion von Chemikalien und von synthetischer Düngung (z.B. durch Mischkulturen, Tier-Pflanzen-Systeme), um mögliche negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt vorzubeugen?
– Fordert der Standard den Ausschluss von Chemikalien der internationalen Liste hochgefährlicher Pestizide, der SIN List-Chemsec (Internationales Chemikaliensekretariat) und der Detox-Verpflichtung?
– Fördert der Standard das Wohlergehen von Tieren in der Lieferkette durch angemessene Ernährung, Gesundheitsbedingungen, Einrichtungen, sowie die Prävention unnötigen Leidens?
– Fördert der Standard Maßnahmen zur Verringerung der Abhängigkeit von nicht erneuerbaren Energien und zur Förderung der Nutzung erneuerbarer Energien, insbesondere durch die Priorisierung lokaler Energiequellen? Werden dabei Vorkehrungen getroffen, die Rechtsverletzungen lokaler Anwohner*innen und Gemeinden vorbeugen?
– Fordert der Standard den Ausschluss genetisch veränderter Organismen (GVO) und fördert diese Praxis innerhalb der gesamten Lieferkette, einschließlich in verwendetem Tierfutter?
Folgende Fragen haben wir zur Bewertung der Glaubwürdigkeitskriterien gestellt:
– Werden unterschiedliche Interessengruppen (einschließlich Rechtsinhaber*innen) am Prozess der Erstellung, Aktualisierung und Weiterentwicklung des Standards mit einbezogen?
– Wem gehört der Standard und wie wird er finanziert?
– Verpflichtet sich der Standard zu einer agrarökologischen Transformation/ Just Transition bzw. fördert er sie aktiv? Wird es dabei mit einem holistischen Verständnis von Agrarökologie/ Just transition gearbeitet, das nicht nur die praktische und ökologische Dimension der Agrarökologie berücksichtigt, sondern auch auf Menschenrechte basiert, dass die soziale, politische und wirtschaftlich transformative Dimensionen der Agrarökologie nach vorne stellt und das Innovationen als Ergebnis kollaborative Arbeit versteht? Fordert der Standard Transparenz dazu ein, wie ein Unternehmen mit Arbeitnehmer*innen, lokalen Gemeinschaften und anderen betroffenen Stakeholdern zusammenarbeitet, um die Auswirkungen der Klimastrategie zu ermitteln und gemeinsam lokale Lösungen und Abhilfemaßnahmen zu entwickeln?
– Ist die Offenlegung von Lieferanten und/oder geografischen Regionen verpflichtend?
– Bietet das System Zugang zu technischer Unterstützung, die über die Einhaltung der Norm hinausgeht und sowohl einen Just Transition Wandel als auch eine agrarökologische Transformation berücksichtigt?
– Wird die Wirkung der Umsetzung der Norm durch definierte Indikatoren überwacht und bewertet? Nutzt der Standard die Ergebnisse für die Weiterentwicklung?
– Verpflichtet der Standard Unternehmen zu einer Risikobewertung und zu einer menschenrechtlichen Sorgfaltsprüfung (Due Diligence) in den Lieferketten?
– Werden Audits von einer unabhängigen Organisation durchgeführt? Sind Auditberichte oder Ergebnisse öffentlich verfügbar? Beinhaltet der Prüfungsprozess vertrauliche Interviews mit Arbeitnehmerinnen und Konsultation mit Rechtsinhaberinnen?
– Ist ein unabhängiger Beschwerdemechanismus (einschließlich Bestimmungen für Korrekturmaßnahmen) Teil des Prüfungssystems? Beinhaltet der Standard darüber hinaus Maßnahmen, um Arbeiter*innen, Kleinbäuerinnen und Kleinbauern und anderen Erzeuger*innen im Fall von Arbeits- oder Menschenrechtsverletzungen Zugang zum Justizapparat zu bekommen?
Das CIR-Team erstellte eine Anleitung für mögliche Antworten, um eine möglichst einheitliche Bewertung der Standards zu gewährleisten. Jede Frage wird anhand eines abgestuften Punktesystems bewertet, das die Erfüllungsgrade von 0 %, 25 %, 50 %, 75 % und 100 % abbildet. Einige Fragen können maximal 1 Punkt, andere 2 Punkte erreichen. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, eine Frage als „nicht anwendbar“ zu kennzeichnen, wenn das jeweilige Thema nicht Teil der jeweiligen Standardinitiative ist.
Für jede Frage wird der entsprechende Erfüllungsgrad vergeben: 0 %, wenn die Kriterien nicht erfüllt sind, 25 % oder 50 % bei geringer bzw. teilweiser Berücksichtigung, 75 % bei weitgehender Erfüllung und 100 %, wenn der Standard die Kriterien vollständig abdeckt.
Am Ende werden die erreichten Punkte addiert und durch die maximal mögliche Punktzahl der anwendbaren Kriterien geteilt. Daraus ergibt sich ein prozentualer Erfüllungsgrad. Dieser wird wie folgt bewertet: 0–29,99 % unzureichend, 30–49,99 % mangelhaft, 50–74,99 % mittelmäßig, 75–84,99 % gut und 85–100 % anspruchsvoll.
Sandra Dusch Silva: Referentin für nachhaltige Lieferketten und Kleidung bei der Romero Initiative (CIR)
Anne Sträßer: Referentin im Bereich nachhaltige Ernährungs- und Agrarsysteme und öffentliche Beschaffung bei der Romero Initiative (CIR)
Marie Günther: Volontärin für nachhaltige Lieferketten und Kampagnen bei der Romero Initiative (CIR)